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Strukturveränderungen in der Alamannia in Spätantike und Frühmittelalter 1994-2001

Germanen und Romanen in der Alamannia

Das Ende der römischen zivilen und militärischen Strukturen in Südwestdeutschland im Verlauf des 3. Jahrhunderts und die Konsolidierung der germanischen Ordnungen zog große Veränderungen mit sich, aber bestehende Verhältnisse wurden zumindest auf niedrigem Niveau auch fortgeführt.

Während noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts man in der archäologischen Forschung davon ausging, dass auch nach dem Ende des Limes in den 260er Jahren noch Romanen im Land rechts des Rheins verblieben, ging man seit denn 1930er bis zum Ende des 20. Jahrhunderts davon aus, dass nach dem Jahre 260 die römische Entwicklung schlagartig abbrach und die Landnahme und Aufsiedlung des Landes durch die Alamannen begann. Heute mehren sich die Anzeichen, dass eine solche einfache Interpretationen zu pauschal sind. Die wechselseitigen Einflüsse der verschiedenen Bevölkerungsgruppen waren vielschichtig und wirkten auch über die Mitte des 3. Jahrhunderts hinaus.

Diverse nachlimeszeitliche Befunde und Funde verdeutlichen, dass die Entwicklung nicht abbrach, sondern in bestimmten Regionen - wenn auch auf einem niedrigen Niveau - bis in die Zeit um 400 weiterlief. Für das 3. Jahrhundert ist das Ende des Limes nicht ausschließlich auf einfallende germanische Scharen zurückzuführen. Um 260 wurden allerdings die Kastelle aufgelassen, eine funktionierende Verwaltung im rechtsrheinischen Gebiet existierte nicht mehr. Fraglich ist aber, ob gleichzeitig der römische Machtanspruch in der Region aufgegeben wurde und die gesamte römische Bevölkerung das Land verließ. Zahlreiche Befunde und Funde deuten eine nachlimeszeitliche Nutzung alter Strukturen an.

Abb. 1: Der obergermanisch-rätische Limes mit der Kartierung der nachlimeszeitlichen Funde in den römischen Kastellen (nach Theune 2004)

Dies wird auch besonders anschaulich durch das hohe Aufkommen von römischen nachlimeszeitlichen Münzen, speziell Kupferprägungen, die in der rechtsrheinischen Region gefunden wurden. Die Besiedlungskontinuität endet häufig in der Zeit um 400. Dies gilt für die Grabfunde sowie für die Siedlungsbefunde in römischen Strukturen, es gilt aber auch für ländliche Siedlungen. 

Die in der Mitte des 5. Jahrhunderts einsetzenden kurzfristig belegten Gräberfelder, aber auch jene die von der Mitte des 5. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts genutzt wurden, sind als Neubeginn aufzufassen. Die Lage der Gräber an zentralen Punkten des römischen Straßennetzes ist auffällig und deutet an, dass diese Orte gezielt für die Aufsiedlung ausgewählt wurden.

Abb. 2: Verbreitung der kurzfristig belegten Gräberfelder im Verhältnis zum römischen Straßensystem (nach Theune 2004)

Die ältesten Gräber der kurzfristig belegten Nekropolen können Hinweise auf die Ursachen der Siedlungsgründung geben. In diesen Gräbern fanden sich häufig Prunkwaffen und Rangabzeichen. Hier sind Führungspersönlichkeiten von hohem Rang bestattet worden. Man kann daraus schließen, dass diese Personen eine gezielte Aufsiedlung durchgeführt haben. Die Aufsiedlung wurde aber von zahlreichen verschiedenen Bevölkerungsgruppen getragen. Die frühmittelalterlichen Bestattungssitten verdeutlichen dies. Die verschiedenartigen Bestattungssitten zeigen verschiedene Personenkreise mit unterschiedlichen Traditionen. Die häufige Annahme, dass die Gräberfelder jeweils nur von einem Ethnikum (Germanen oder Romanen) belegt wurden, ist kaum noch aufrecht zu erhalten. Vielmehr wurden die Gräberfelder von unterschiedlichen Personenkreisen, die in einer Siedlungs- und Bestattungsgemeinschaft lebten, gemeinsam genutzt. Diese vielfältigen Bevölkerungsgruppen bedingen die gegenseitige Einflussnahme und damit auch Akkulturation. Römischer Einfluss war besonders am Hochrhein und im südlichen Oberrheintal und in Donaueschingen spürbar. Als Gegensatz dazu ist das Gebiet der Ostalb zu nennen. Hier waren besonders Einflüsse aus dem thüringischen Raum zu verzeichnen. Während daher für das Gebiet der südlichen Alamannia mit einer Beteiligung der Romanen und von Personen aus der Francia an der Aufsiedlung des Landes gerechnet werden muß, sind die Herkunftsgebiete der Einflüsse auf der Ostalb weiträumiger. Thüringische, langobardische, aber auch fränkische Einwirkungen werden immer wieder hervorgehoben. Die unterschiedlichen Einflüsse zeigen noch einmal, daß in der Alamannia im späten 5. und 6. Jahrhundert eine gemischte, sich dynamisch entwickelnde und verändernde Bevölkerung lebte. Zwar verwischen die Unterschiede auf den einzelnen Bestattungsplätzen, aber die Regionen können weiterhin unterschieden werden.

Literatur:

Cl. Theune, Germanen und Romanen in der Alamannia. RGA Ergänzungsbd. 45 (Berlin, New York 2004).

Rezensionen dazu in: Helvetica Archaeologica 36, 2005; Bulletin Mission Historique en Allemagne 41, 12005, 402-405 (A. Graceffa); Germanistik 46, 2005, 576-577 (K. Düwel).

Historische Archäologie
Univ.Prof. Dr. Claudia Theune-Vogt
Institut für Urgeschichte & Historische Archäologie
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