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Die Burgenlandschaft Niederösterreichs im 9. - 11. Jahrhundert

Karin Kühtreiber, Martin Obenaus

Innerhalb des Forschungprojektes"Reiterkrieger - Burgenbauer. Die Ungarn und das Deutsche Reich" wurde Niederösterreich als eines jener Regionen gewählt, in denen der ungarnzeitliche Burgenbau untersucht werden soll. Niederösterreich bildet aufgrund seiner geografischen Lage die Zwischenregion zwischen den süddeutschen/bayerischen und den ungarischen Untersuchungsgebieten.

Für die Untersuchung wurde das Arbeitsgebiet in zwei Regionen geteilt – Niederösterreich nördlich der Donau, Bearbeitung Martin Obenaus, und Niederösterreich südlich der Donau, Bearbeitung Karin Kühtreiber.

Abb. 1: Überblickskarte zum Bearbeitungsgebiet.

Voraussetzungen

Voraussetzung für die Auswahl des Raumes ist seine, das gesamte Frühmittelalter hindurch andauernde Grenzraumsituation. Fungiert die Region vorerst als Puffer zwischen Baiern und dem awarischen Khaganat, werden ab 800 große Teile als bairisches Ostland dem karolingischen Reich eingegliedert. Das nördliche Niederösterreich dürfte daraufhin eine Grauzone zum Mährischen Fürstentum gebildet haben, die besiedelten Gebiete des südöstlichen Niederösterreich eine diffuse Zone zum karantanischen Raum.

Mit der ungarischen Landnahme im Karpatenbecken im 10. Jh. setzt sich die Stellung des Gebietes im Spannungsfeld zwischen Ost und West fort. Obwohl zumindest teilweise nominell unter ungarischer Oberhoheit stehend, bleiben ältere, aus dem 9. Jh. stammende Burgen und Zentralorte sowie deren Einzugsbereiche weiterhin bestehen. Dazu kommen schon ab der ersten Hälfte des 10. Jh. Neugründungen, deren Bedeutung in besagtem Grenzraum gewichtige Fragen offen lässt. Mit einer Zunahme der Burgenzahl ist im Zuge des ottonischen Markenausbaues nach der Schlacht auf dem Lechfeld ab der zweiten Jahrhunderthälfte zu rechnen.

Quellenlage

Abb. 2: Der Haustein bei Grünach am Schneeberg im südlichen Niederösterreich ist ein Beispiel für die während des ungarnzeitlichen Herrschaftseinflusses, der in diesem Zeitraum bis in die Mitte des 11. Jhds. reicht, gegründete Burgstelle. Sie befindet sich auf einem kleinen Felsstock (links), rechts davon ist die Rodungsinsel. Östlich gelegen erhebt sich das sogenannte "Geländ", ein knapp über 1000 m NN gelegenes Kalkplateau mit einer urnenfelderzeitlichen Befestigung (Foto: K. Kühtreiber).
Abb. 3: Eine Auswahl von Oberflächenfunden vom Hausstein bei Grünbach a. Schneeberg: Emailscheibenfibel, rhombische Geschoßspitzen, frühe Formen der Grafitkeramik (11. Jh.). Nicht abgebildet: ungarische Münze aus der Mitte des 11. Jhs. (Grafik: K. Kühtreiber).

Die frühmittelalterliche Archäologie Ostösterreichs ist derzeit vorwiegend durch Grabfunde bestimmt. Siedlungen sind nur in geringer Zahl und meist ausschnitthaft ergraben worden. Erst seit jüngster Zeit bessert sich dazu, dank Forschungs- und Rettungsgrabungen, der diesbezügliche Kenntnisstand.
Großflächige archäologische Untersuchungen von Burgen des 9./10. Jhs. fanden bisher nur an drei Anlagen statt (Gars-Thunau, Sand, Oberleiserberg). Eine Reihe von bedeutenden Anlagen wurde ausschnitthaft ergraben (Wieselburg, Alland, Pitten, Haidershofen, Messern) und schließlich sind einige weitere Befestigungen hier hinzuzählen, die durch jüngst zutage getretene Oberflächenaufsammlungen und Detektorfunde (Privatsammler) dem behandelten Zeitabschnitt des 9. bis 10. Jh. angehören dürften.

Vorgehensweise

  • die Erfassung des bisherigen Forschungsstandes
  • die Vorlage bisher unpublizierter Anlagen (Altgrabungen, Fundmaterial von Oberflächenaufsammlungen)
  • damit verbunden die kritische Überprüfung des Fundmaterials
  • Planerfassung und topographische Darstellung mittels 3D-Scans (Airborne-Laserscan)
  • Katalogerstellung mittels Datenbank mit GIS-Anbindung. Zur Erfassung und Kartierung von Siedlungskammern und -zentren sollen auch Grabfunde, Siedlungen und Kirchen in die Datenbank aufgenommen werden.
  • Ein dermaßen erfasster Katalog mit Pilotprojektcharakter soll die Möglichkeit für weitere Vertiefungen bilden
Abb. 4: Vom Schafkogel bei Gloggnitz im südöstlichen Niederösterreich) sind ebenfalls frühmittelalterliche Oberflächenfunde, darunter Geschossspitzen, jüngst bekannt geworden. Der Airborne-Laserscan (© NÖGIS) des Fundstellenbereiches zeigt jedoch keine auf eine Siedlung oder Befestigung hinweisende Geländemerkmale. Eventuell ist die Höhe nur zeitweise als Rückzugsort bei kriegerischen Anlässsen aufgesucht worden.
Abb. 5: Funde vom Schafkogel: Oben – Emailscheibenfibel und rhombische Geschoßspitzen vom Gipfelbereich (Oberflächenfunde). Unten – Töpfe aus Gräbern am Fuß des Berges (Foto: K. Kühtreiber; Grafik: G. Reichhalter).

Fragestellungen

  • Ist auf Grund der historischen Quellenlage auch aus archäologischer Sicht ein Bruch feststellbar, der sich u. a. im Befestigungswesen des 9./10. Jhs. erkennen lässt?
  • Wie weit lässt sich der Einfluss der ungarischen Herrschaft im niederösterreichischen Raum fassen?
  • Wie lassen sich Burgen und befestigte Plätze im betreffenden Gebiet und Zeitraum herrschaftsgeschichtlich deuten?
  • - als im weitesten Sinne ungarische Befestigungen zur Grenzsicherung?
    - als „Ungarnrefugien“ nach westlichem Vorbild als Reaktion auf die Ungarneinfälle?
    - als lokale, von den Ungarn geduldete oder unter ungarischem Einfluss stehende Herrschaften, für die es urkundlich keine Nachweise gibt?
    - Ist eine funktionale Interpretation möglich? Mittelpunktsburg – adelige Privatburg – Fluchtburg?

Über den dermaßen erhobenen Datenbestand soll versucht werden, den Burgenbau des 9.-10./11. Jhs. im Arbeitsgebiet zu beschreiben und in einen überregionalen Zusammenhang zu stellen, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Vergleich mit den Nachbarregionen liegt. Darüber hinaus sollen an besonders geeigneten Beispielen Burg–Umlandbeziehungen unter Berücksichtigung der Aspekte Siedlung, Landschaft und Wirtschaft analysiert werden. Bezüglich der wirtschaftlichen Fragen kommt vor allem auch der Bewertung der Grafitkeramik des 9.–11. Jhs. eine große Bedeutung zu, die in einem eigenständigen Teilprojekt dahingehend untersucht wird („Wirtschaftsarchäologische Forschungen zur Graphittonkeramik in Niederösterreich“, Hajnalka Herold).

Abb. 6: Eine weitere bisher kaum bekannte Anlage ist der Burgstell Alteck im nördlichen Niederösterreich. Auch von diesem sind Oberflächenfunde des 8.- 10. Jhs. bekannt: Emailscheibenfibel, durchbrochene Riemenzunge des 10./11. Jhs., 2-flügelige Pfeilspitzen (8.-10.Jh.). Nicht abgebildet: ungarische Münzen aus der Mitte des 11. Jhs. (Foto: M. Obenaus).
Abb. 7: Burgstall Alteck (nördliches Niederösterreich), Oberflächenfunde: spätawarenzeitliche Gürtelbeschläge des späten 8. Jhs., ein Hakensporen der Zeit um 800 (Foto: M. Obenaus).

Das Projekt wird finanziell gefördert von der Leibnitz-Gemeinschaft mit Mitteln des Paktes für Innovation und Forschung des Bundes und der Länder.

Zu den Personen:

Mag. Dr. Karin Kühtreiber

Studium der Ur- und Frühgeschichte und Geschichte an der Universität Wien. Diplomarbeit: „Die spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Funde aus dem Anwesen Singergasse 10 in Wiener Neustadt. Ergebnisse der baubegleitenden Untersuchungen 1983–1984” (1997).
1992–2002 örtliche Grabungs- und Projektleitung der Grabungen der hochmittelalterlichen Burg Dunkelstein (NÖ)., allgemeine Projektleitung Univ.-Doz. Dr. Falko Daim. Aufarbeitung im Rahmen des FWF-Projektes „Lebens- und Wirtschaftsraum Burg“ (P14414-G02, Projektleitung Univ.-Prof. Dr. Sabine Felgenhauer. 2000–2003). Dissertation (2007): „Burg Dunkelstein. Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen eines hochmittelalterlichen Adelssitzes im südöstlichen Niederösterreich“.
Seit 1996 Mitarbeit an zwei Großprojekten zur systematischen Erfassung der mittelalterlichen Burgen in Niederösterreich (Projektpartner Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien, Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Niederösterreichisches Landesarchiv, VIAS).
2004/2005 Stipendium für Archäologie des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Thema: „Die hochmittelalterliche Keramik im südöstlichen Niederösterreich. Untersuchungen zu ihrer Entwicklung, ihren Formen und den Beziehungen zu benachbarten Keramikregionen“.
Mitwirkung an mittelalterarchäologischen Projekten u. a.: Die Kleinfunddatenbank archREAL am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (2000–2002); Bearbeitung der mittelalterlichen Wüstungen im Leitharaum im Rahmen des FWF-Projektes „Die Kelten im Hinterland von Carnuntum“. Aerial archaeology as a basis for landscape archaeology in the Leitha region (P16449, 2005); Redaktion der Bibliografie zur Mittelalterarchäologie in Österreich 1998 und 2008 (zusammen mit Gabriele Scharrer-Liška).
Ab 2005 Mitarbeiterin des Vereins AS-Archäologie Service. Vorwiegend Fundbearbeitungen von Großgrabungen im Auftrag des Bundesdenkmalamtes,
z.B.: Grabungen im Hof der Stallburg in Wien (mittelalterliches und neuzeitliches Fundmaterial, Projektkoordination). - Keramikfunde und frühe Grabbefunde aus den Grabungen in Wien 1, St. Stephan. - Das Fundmaterial des 7.-14. Jhs. aus den Siedlungen von Gaweinstal/Pellendorf (NÖ).

Mag. Martin Obenaus

Studium der Ur- und Frühgeschichte am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien. Diplomarbeit: „Arpadenzeitliche Gräberfelder und Grabfunde des 10. bis 12. Jahrhunderts in Ostösterreich – Fundmaterialien des Burgenländischen und Niederösterreichischen Landesmuseums” (2007).
Allgemeiner Forschungsschwerpunkt: Frühmittelalterliche Archäologie (besondere Berücksichtigung des Überganges vom Früh- zum Hochmittelalter, speziell Siedlungsarchäologie).
Mitarbeit bei mehreren Forschungs- und Notgrabungen:Kamegg – neolithische Kreisgrabenanlage (1994 bis 1996), Hard – mittelalterliche Ortswüstung (1994), Oberpfaffendorf – Burganlage des 10. Jh. (1994), Hallstatt – Gräberfeld und prähistorisches Bergwerk (1996 bis 2008), Klosterneuburg – mittelalterlicher Lesehof (1995 und 1996), Oberleis - ur- und frühgeschichtliche Höhensiedlung (1996 und 1998), Mannersdorf an der March - ur- und frühgeschichtliche Siedlungen (1995 und 1996), Schwarzenbach – befestigte Höhensiedlung (1998 und 1999), Unterpullendorf – Bergbau- und Verhüttungsareal (2000), Traismauer – römischer Vicus (2000) und Dietstätt in der Oberpfalz, Bayern – frühmittelalterliche Siedlung (2002, 2005 und 2007), zahlreiche kleinere Bergungen sowie Mitarbeit bei der geophysikalischen Prospektion im Halbkreiswall von Haithabu.
Mitarbeit im Rahmen von experimentalarchäologischen Rekonstruktionen:Elsarn – Gehöft der Römischen Kaiserzeit (1997 bis 1999), Hallstatt – spätbronzezeitliches Blockwandbecken (2000), Großklein – hallstattzeitliches Gehöft (2003), Schwarzenbach - späteisenzeitliche Gebäude (2003).
Von 2001 bis 2003 Dienstverhältnis als Grabungsfachkraft, bzw. 2005-2007 als Grabungsleiter  beim Verein ASINOE (Archäologisch-Soziale Initiative Niederösterreich).
Seit 2007 Projektangestellter am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien im Rahmen des bis 2010 laufenden FWF-Projektes „ Das infrastrukturelle Umfeld der frühmittelalterlichen Höhensiedlung von Thunau“ (P20009-G02, Projektleitung Univ. Prof. Dr. Erik Szameit): Mitarbeit bei den Grabungen in der Höhensiedlung seit 1989; seit 2004 Grabungen und Bergungen in einem frühmittelalterlichen Siedlungs- und Gräberfeldareal am Fuß der Höhensiedlung; seit 2004 örtlicher Grabungsleiter in der Talsiedlung; Aufarbeitung der Talsiedlung (Altfunde und aktuelle Grabungen) im Rahmen einer Dissertation.

Historische Archäologie
Univ.Prof. Dr. Claudia Theune-Vogt
Institut für Urgeschichte & Historische Archäologie
Universität Wien
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