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Ein spätkaiserzeitliches Frauengrab aus Hostivice (Tschechien)

Ein Projekt in Kooperation mit dem Nationalmuseum Prag, Abteilung Vor- und Frühgeschichte
(Pavel Sankot)

Günstige naturräumliche Bedingungen führten in der zentralen Beckenlandschaft Böhmens früh zu einer ausgeprägten Kulturlandschaft, günstige Wasser- (Moldau und Elbe) und Landwege schafften die Voraussetzungen für intensive Beziehungen und Kommunikationsräume in andere mitteleuropäische Regionen. Während der späten römischen Kaiserzeit (1. Hälfte 4. Jahrhundert) war die Region eng mit dem nördlichen anschließenden elbgermanischen Raum verbunden, seit der frühen Völkerwanderungszeit (2. Hälfte 4. Jahrhundert / 5. Jahrhundert) sind zahlreiche Kontakte zum Süden hin, dem mittleren Donauraum festzustellen. In diese Zeit fallen auch die ersten Körperbestattungen, die als Einzelgräber oder in kleinen Grabgruppen angelegt, vornehmlich in Nordwest- und Mittelböhmen anzutreffen sind. Im 5. Jahrhundert setzen dann die ersten Körpergräberfelder der Völkerwanderungszeit ein.

Das 2003 ausgegrabene Frauengrab (Befund 2526) in Hostivice gehört noch in die Phase der ersten, meist einzeln angelegten Bestattungen. Die Grabausstattung belegt weitreichende Kontakte, deren genaue Verifizierung erst die Stellung des Grabes im überregionalen kulturgeschichtlichen Gefüge der spätrömischen Kaiserzeit bzw. der frühen Völkerwanderungszeit ermöglicht.

 

Abb. 1: Foto vom Oberkörperbereich mit reichem Trachtschmuck (Foto: Tschechisches Nationalmuseum Prag)

Die weibliche Bestattung fand sich in einem aufwendigen Kammergrab mit Sarg und  massiver Steinpackung.  Außerhalb des Sarges standen drei Gefäße, innerhalb lag die Tote mit umfangreichem Trachtschmuck. Zu den besonderen Accessoires gehören ein langes Perlenkollier mit Glas- und Bernsteinperlen, welches durch etliche Bronzeringe gegliedert ist; eine bronzene Nadel, die sich im Kopfbereich fand; zwei exzeptionelle Fibeln mit Goldauflage auf dem Bügel und aufgelöteter runder Scheibe mit goldenem Pressblech und blauer Glaseinlage; ein Knochenkamm, zwei Holzspindeln mi Spinnwirtel; eine kleine Bronzenadel; ein eisernes Messer und ein Armreif aus Mammutknochen.
Ziel des Projektes ist es, das Frauengrab von Hostivice sowie weitere spätkaiserzeitliche und frühvölkerwanderungszeitlich Komplexe in Hostivice wissenschaftlich auszuwerten und in einen größeren kulturgeschichtlichen Kontext zu stellen.  Gerade für die Wendezeit zwischen der späten römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit und damit der Umorientierung der böhmischen Region vom nördlich anschließenden elbgermanischen Gebiet zum südlichen Donauraum ist es von wesentlicher Bedeutung, die überregionalen Kommunikationswege in den Fokus der Betrachtung zu stellen.

Publikationen in Vorbereitung:

P. Sankot / Cl. Theune, Das germanische Grab 2536 in Hostivice, Kr. Prag-West. Germania 90, 2012 (2014) 145-184.

Cl. Theune / P. Sankot, Hostivice, ein kaiserzeitliches Grab bei Prag. In: Cl. von Carnap-Bornheim / A. Wigg, Kammergräber im Barbaricum. Internat. Tagung in Schleswig November 2010. Schriftenreihe Arch. Landesmuseum, ERgänzungsreihe 9 (Neumünster 2014) 267-282.

Cl. Theune, Signs and Symbols in Archaeological Material Finds. In: J. Fries-Knoblach (Ed.),  H. Steuer (Ed.),The Baiuvarii and Thuringi - An Ethnographic Perspective. Studies in Historical Archaeoethnology (Woodbrigde 2014) 271-288.

Historische Archäologie
Univ.Prof. Dr. Claudia Theune-Vogt
Institut für Urgeschichte & Historische Archäologie
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